vorarlberg.at · Presse · Landespressestelle · Vorarlberg Magazine · Vorarlberg Magazine 2006 · Vorarlberg Magazin Nr. 117/2006
Im persönlichen Gespräch mit jungen Menschen zum Thema „Arbeiten und Beruf“ wird die Buntheit der persönlichen Lebensgeschichten im Kontext von „Bildung und Arbeit“ deutlich. Es gibt ihn nicht, den einzig wahren Weg, um SEINEN Beruf zu finden. Und auch die einzig wahre Arbeitsstelle gibt es nicht. Kreativität und Flexibilität, Konsequenz, Durchhaltevermögen und Eigeninitiative sind gefragt, dann kann es vielleicht auch klappen mit einer Arbeit, die ein Stück weit persönliche Zufriedenheit mit sich bringt.
Von Sabine Liebentritt
Auch ein Lehrabschluss ist nicht automatisch eine Job-Garantie
Milli Mathis – Alpenvereinsjugend – führte ein Gespräch mit Jasmine
Jasmine, 19 Jahre, aus Feldkirch
Lehrabschluss als Einzelhandelskauffrau
beschäftigt bei ABF – Arbeitsinitiative für den Bezirk Feldkirch
Was mir wichtig ist
Einen neuen Job nach Ende der Beschäftigung über die Arbeitsinitiative Bezirk Feldkirch zu finden, bei dem ein gutes Arbeitsklima vorhanden ist und die Möglichkeit zur beruflichen Weiterentwicklung.
Nix tun kommt nicht in Frage! – „Eine geregelte Tagesstruktur ist mir wichtig.“
Jasmine ist seit September 2005 bei der Arbeitsinitiative Bezirk Feldkirch beschäftigt. „Die Arbeit gefällt mir und ist eine gute Überbrückung, bis ich wieder eine andere Anstellung gefunden habe.“ Positiver Nebeneffekt: Durch diese Beschäftigung erhält Jasmine eine geregelte Tagesstruktur und schätzt den netten Umgang mit den Mitmenschen.
„Ein positiver Lehrabschluss war mein Ziel.“
Jasmine besuchte die Pflichtschule in der üblichen Zeit. Heute würde sie in der Schule mehr lernen und ihre Fähigkeiten vermehrt in den Unterricht einbringen. „Die Lehrzeit war für mich oft nicht einfach, aber ein positiver Lehrabschluss war immer mein klares Ziel.“ Dies ist der 19-Jährigen auch im Juni 2005 gelungen. Jasmine wünscht sich nach der Zeit bei ABF wieder eine Stelle im Einzelhandelsbereich.
„Ich hätte nie gedacht, dass es so schwierig ist, eine Arbeit zu finden.“
Der Stellenwert Arbeit ist für Jasmine sehr hoch, denn „ohne Geld kann man sich nichts leisten“. Leider blieben bis jetzt die vielen Bewerbungsversuche erfolglos. „Ich hätte nie gedacht, dass es so schwierig ist, eine Arbeit zu finden“, meint Jasmine heute enttäuscht. Trotzdem wird sie die Hoffnung nicht aufgeben.
Wie Memnuniye eine Lehrstelle gefunden hat
Iskender Iscakar – KOJE (Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit und Entwicklung) – führte ein Gespräch mit Memnuniye
Memnuniye, 17 Jahre, aus Röthis
Schule: Hauptschulabschluss, 2 Jahre BORG Götzis
Aktueller Job: Lehre als pharmazeutisch kaufmännische Assistentin
Memnuniye hat nach 2 Jahren das Bundesoberstufenrealgymnasium in Götzis abgebrochen. Wegen schlechter Schulnoten und einiger Auseinandersetzungen mit Lehrern entschied sich die 17-Jährige: „Ich will arbeiten und Geld verdienen.“
Von Dezember bis Mai auf der Suche
„Ich habe zwischen Dezember und Mai immer wieder Absagen bekommen, bis ich meine Bewerbung an eine Apotheke geschickt habe. Mit dieser Apotheke war es dann so, dass meine Mama mit dem Chef geredet und gefragt hat, ob sie Lehrlinge nehmen.
Der Chef hat gesagt, ich soll mal schnuppern kommen. Dreimal oder so bin ich dort gewesen. Dann hat sich niemand gemeldet. Später habe ich die Stellenanzeige der Apotheke im Gemeindeblatt gesehen und meine Mama hat gesagt, ich soll mich noch einmal melden. Dann bin ich noch einmal schnuppern gegangen und es hat geklappt. Es ist super toll, dass ich diese Stelle gefunden habe. Meine Hartnäckigkeit hat sich gelohnt.“
.... weil ich Ausländerin bin?
Memnuniye ist glücklich, eine tolle Lehrstelle gefunden zu haben, auch wenn der Weg dahin nicht leicht war. Erfolg im Beruf zu haben ist ihr besonders wichtig und auf die Frage „Was nervt dich am Job?“ sagt sie lachend „Eigentlich nichts! Das wird vielleicht noch kommen.“ Dennoch ist sie nachdenklich, dass es so lange gedauert hat und mit so vielen Absagen verbunden war. „Es sind so viele Briefe mit Absagen gekommen und da habe ich mich halt auch gefragt, wieso und warum? Weil ich Ausländerin bin, wegen meinem Namen vielleicht, wegen der türkischen Staatsbürgerschaft?“ Wesentliche Unterstützung erfuhr die junge Türkin durch die Jugendarbeiterin Petra Scheffknecht von der Offenen Jugendarbeit Vorderland. „Petra hat mir immer wieder Mut gemacht und gesagt, ich dürfe nicht aufgeben. Außerdem hat sie mir aktiv bei meinen Bewerbungsunterlagen und bei Behördengängen geholfen.“
Erfolg ist wichtig
Die Ausbildung hat für den 17-jährigen Lehrling einen hohen Stellenwert. Sie möchte nicht in einer Küche als Hilfskraft arbeiten oder putzen gehen. Einen Beruf in der Hand zu haben und auf eigenen Füßen zu stehen, das steht für Memnuniye an vorderster Stelle. Auch Weiterbildung ist ihr wichtig. So hat sie nach dem erfolgreichen Abschluss der Lehre vor, auch die Matura nachzuholen.
Auch Menschen mit Behinderung haben es schwer, in die Arbeitswelt zu finden
Norbert Strasser – Alpenvereinsjugend – führte ein Gespräch mit Wolfgang
Wolfgang, 36 Jahre, aus Göfis
Schule/Ausbildung: 1 Jahr Vorschule, 8 Jahre Sonderschule, 3 Jahre Gärtner
derzeitiger Job: Gärtner beim Sunnahof in Göfis
Was mir wichtig ist
Dass ich keinen Alkohol mehr trinke, dass ich Arbeit habe und meine vielen Hobbys ausüben kann. Ich bin Hofsprecher auf dem Sunnahof und vertrete die Interessen meiner Arbeitskollegen gegenüber dem Betrieb.
Was mich am meisten nervt
Wenn ich bei meiner Arbeit dornige Sträucher schneiden muss. Auch nerven mich manchmal meine Mitbewohner im Wohnhaus Tufers. Sie reden immer so viel und so laut. Arbeit bedeutet für mich, dass ich schöne Gärten gestalten und Geld verdienen kann. Ich bin stolz, Arbeit zu haben!
Die Zeit der Sonderschule war nicht leicht
Meine Erfahrung in der Sonderschule ist, dass ich oft von den Schülern aus dem benachbarten Polytechnischen Lehrgang gefuchst worden bin. In der Berufsschule in Wien gefiel es mir nicht so gut. Die Anreise war jedes Mal sehr lang und die Schularbeiten waren auch streng. Außerdem musste ich immer Hochdeutsch sprechen und das war schwierig für mich.
Der Weg zum Traumberuf
Mein Traumberuf ist Gärtner, weil ich dadurch in der freien Natur arbeiten kann. Wenn es regnet oder sehr heiß ist, ist das aber nicht so fein. Meine Mutter hat in einer Gärtnerei in Feldkirch nachgefragt, ob ich eine Lehre machen könne. So hat meine Karriere als Gärtner angefangen.
Die Vorarlberger Lebenshilfe gibt Halt
Seit ich in der Lebenshilfe arbeite, trinke ich keinen Alkohol mehr. Das funktioniert recht gut. Ich bin zufrieden mit dem, was ich derzeit mache. Mein größter Wunsch ist, dass ich meine Arbeit nicht verliere, denn das wäre furchtbar für mich. Weiter wünsche ich mir, dass ich meine Arbeit als Mitarbeitervertreter in der Lebenshilfe möglichst gut mache. Außerdem würde ich gerne meinen Gedichtband fertig schreiben und nachher veröffentlichen.
Auf dem Weg, um die eigenen Lebensträume zu verwirklichen
Martin Hagen – Offene Jugendarbeit Dornbirn – führte ein Gespräch mit Serhat
Serhat, 17 Jahre, aus Dornbirn
Aktuelle Tätigkeit: arbeitslos – geringfügig beschäftigt bei JOB AHOI !
Was mir wichtig ist: gute Freunde, eine Familie und einen Job zu bekommen.
Zukunftsträume versus Realität?
„Einen Beruf zu lernen wäre mein Ziel. Das wäre gut meine Zukunft. Ich möchte so gerne mal eine eigene Familie mit eigenen Kindern haben und das geht nur, wenn ich eine Arbeit habe, denn das kostet Geld“, sagt der 17-jährige Serhat Demirel traurig. Serhat möchte Maler werden, aber ohne Hauptschulabschluss hat er keine Lehrstelle gefunden. „Meine Zukunft sehe ich sehr negativ, ohne Arbeit hast du nix vom Leben, kannst dir nix leisten. Ich sehe kaum eine Chance für mich. Aber hier bei JOB AHOI ! gefällt es mir sehr gut. Wir haben es lustig, ich kenne alle hier.“, so beschreibt der junge Arbeitslose seine aktuelle Situation.
Die Eltern haben ihn ermutigt, die Schule zu beenden, aber er wollte nicht. „Heute bereue ich das.“ bekennt der junge Türke. „Aber hier beim Beschäftigungsprojekt JOB AHOI ! habe ich gehört, dass ich den Hauptschulabschluss bei den Dornbirner Jugendwerkstätten nachholen könnte. Das wäre super.“ Serhat schöpft also neuen Mut – er ist ja auch noch so jung.
Auslandsaufenthalte, Identitätsbildung und Berufschancen können Hand in Hand gehen
Andrea Fercher – “aha“ – Tipps und Infos für junge Leute – führte ein Gespräch mit Charlotte
Charlotte, 20 Jahre, aus Schruns
Aktuelle Tätigkeit: Studium „Vergleichende Literaturwissenschaften“
in Innsbruck (hat viel mit verschiedenen Sprachen und Kulturen zu tun)
Nach ihrem Schulabschluss hat sich Charlotte für den Europäischen Freiwilligendienst (EFD) entschieden. Zehn Monate verbrachte sie in Luxemburg. Durch den Auslandsaufenthalt hat Charlotte ihre Vorliebe für fremde Länder und andere Kulturen entdeckt: „Seit meinem EFD bin ich richtig süchtig nach anderen Ländern und neuen Erfahrungen.“ Zurück in Österreich hat die 20-Jährige mit dem Studium der „Vergleichenden Literaturwissenschaften“ in Innsbruck begonnen.
Beruf – Job – Arbeit bedeuten für mich...
„...dass ich mit meinen Interessen und dem, was ich gerne mache, Geld verdienen kann. Zwar habe ich keinen genau definierten Traumberuf. Ich weiß, dass ich später etwas im kulturellen – kombiniert mit dem sozialen – Bereich machen will. Das Studium bietet dafür einen guten Ausgangspunkt.“
Selbstsicher im Umgang mit Menschen und Umständen
„Während meines EFD-Aufenthaltes habe ich in einer Schule für mehrfach schwerstbehinderte Kinder gearbeitet. Der Auslandsaufenthalt war ziemlich identitätsbildend für mich. Er machte mich nicht nur ruhiger, geduldiger und offener, sondern vor allem selbstsicherer im Umgang mit fremden Menschen und Umständen und mutiger, wenn es um neue Herausforderungen geht. Nach meiner Rückkehr plante ich, entweder hauptsächlich oder nebenher etwas Soziales zu machen. Ich entschied mich zwar für die Literatur, arbeitete allerdings nebenbei mit behinderten Kindern und mit Asylantinnen und Asylanten.“
Flexibilität wahren und das Beste geben
„Ausbildung ist sehr wichtig für mich, auch weil ich dadurch in Themen Einblick bekomme, auf die ich selbst nie gestoßen wäre, die aber sehr interessante Ansätze bieten. Mit diesem Studienabschluss muss man sehr flexibel sein, weil das Beschäftigungsfeld sehr breit gefächert ist. Also knüpfe ich noch keine bestimmten Vorstellungen an meine berufliche Zukunft. Mal sehen, was das Leben bringt, und dann auf jeden Fall immer mein Bestes geben.“
Kontakt:
Amt der Landesregierung – Landespressestelle (LageplanFahrplan)
Download:
Junge Menschen auf ihrem Weg in die Arbeitswelt (426 kB)
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