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Landwirtschaft - Jagd

Wechselwirkung Lebensraum – Wildtier

Wechselwirkung Lebensraum – Wildtier

Aus wildökologischer Sicht stellen Wildtiere und ihr Lebensraum eine untrennbare Einheit mit ausgeprägter Wechselwirkung dar. Dies bedeutet, dass nicht nur die Tiere ihren Wohnraum z.B. durch Verbiss der Vegetation beeinflussen, sondern dass stets auch Aufbau, Zusammensetzung und Zustand des Lebensraumes das Wild und dessen Wirkung auf die Umwelt mitbestimmen. Aus diesem Grund verleitet eine einseitige Betrachtungsweise, die entweder nur Wild oder nur Lebensraum beachtet, zu Fehlinterpretationen, die wiederum zu gravierenden Konzeptions- und Behandlungsfehlern führen können.

Tragfähigkeit unterschiedlicher Lebensraumtypen für die Rotwildüberwinterung

Beim Rotwild ist die Wechselwirkung von Lebensraum und Wildtier besonders stark ausgeprägt, weil in unseren Breitengraden die Biotopanforderungen dieser Tierart von Natur aus eine großräumige Lebensraumnutzung voraussetzen (Sommer- und Wintereinstandsgebiete). Der Verlust von Lebensräumen und die Zerschneidung von Wanderrouten bewirken jedoch stark veränderte Lebensraumbedingungen. Auf der anderen Seite stellen naturfern bewirtschaftete Waldgebiete (z.B. Kahlschlagbetrieb), aber auch sehr hoch gesetzte waldbauliche Ziele (z.B. Baumartenmischung, Wertholzzucht etc.) besonders wildschadensanfällige Waldökosysteme für das Rotwild dar. Außerdem ist das Rotwild durch seine artspezifische Lebensweise (z.B. Rudelbildung) und seine Fähigkeit, die Vegetation und hier insbesondere Bäume und Sträucher durch Verbiss-, Schäl- und Schlageinwirkung intensiv zu beeinträchtigen, durchaus in der Lage, seine Umwelt zu „gestalten“ und somit menschlichen Zielvorstellungen im besonderen Maße entgegen zu wirken. Verschärft wird dieser Umstand durch die Tatsache, dass in vielen Ländern des Alpenraumes bereits seit einigen Jahrzehnten ein Großteil der ursprünglichen Rotwildüberwinterungsgebiete, wie beispielsweise die weichholzreichen Auwaldgebiete, nicht mehr vorhanden sind, und dass selbst viele Landschaftsteile, welche auch heute noch für eine ungefütterte Überwinterung des Rotwildes geeignet waren, aus schutzwaldtechnischen, touristischen und/oder raumplanerischen Überlegungen (z.B. Siedlungswesen) dem Wild nicht zur Verfügung gestellt werden (können). In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass wir uns trotz der häufig verwendeten Worte „Natur“ und „natürlich“ keineswegs mehr in einer Naturlandschaft, sondern in einer ausgeprägten Kulturlandschaft befinden. Gerade die kultivierte Berglandschaft mit einem reduzierten Waldflächenanteil und ausgeprägtem Mosaik von Wald und Grünland bietet dem Rotwild wahrend der Vegetationszeit wesentlich bessere Lebensmöglichkeiten als die vom Menschen unberührte und in der Regel sehr waldreiche „Ursprungslandschaft“. Qualitativ hochwertige Sommerlebensbedingungen fördern in der Regel die Reproduktionskraft von Wildpopulationen, was sich beim Rotwild jedoch im krassen Gegensatz zum gegenwärtigen nun sehr begrenzt vorhandenen bzw. zugestandenen Angebot von Winterlebensräumen verhält.

Unterschiedliche Arten von Tragfähigkeit

Die Kapazität eines Lebensraumes, Wildtiere zu ernähren und zu erhalten, wird einerseits von seiner habitatabhängigen, anderseits aber auch von seiner schadensabhängigen Tragfähigkeit bestimmt. Wahrend sich erstere aus dem Blickwinkel des Wildes bzw. aus der Qualität des Lebensraumes ergibt, wird die wirtschaftliche Tragfähigkeit primär vom Menschen, seinen Zielsetzungen und daraus ableitenden Toleranzbereitschaft gegenüber Wildschaden definiert (schadensabhängige Tragfähigkeit). Für das Rotwild liegt die biotische Biotoptragfähigkeit in der Kulturlandschaft meist deutlich über der schadensabhängigen Tragfähigkeit. Dies bedeutet, dass die Landschaft in der Regel viel mehr Rotwild tragen bzw. Lebensraum bieten könnte, als dies vom Menschen akzeptiert wird. So könnte aus rein biotischer Betrachtung das Rotwild auf Grund seiner hohen Anpassungsfähigkeit auch heute noch in vielen Regionen des Landes in durchaus höheren Wilddichten ohne Winterfütterung überleben. In Vorarlberg stellen beispielsweise vielfach die sonnenexponierten, winterklimatisch günstig gelegenen Berghänge, bestehend aus einem abwechslungsreichen Mosaik von laubholzreichen Bergmischwäldern und steilen Weide- bzw. Mähflachen, aber auch die unterwuchsreichen Tobeleinhänge im Mittel- und Unterlauf größerer Seitenbäche, ideale Überwinterungsräume für Rotwild dar. In Zeiten sich häufender Extremwetterereignisse mit Starkniederschlägen und daraus folgenden Hochwasserkatastrophen, Rutschungen und Vermurungen wird heute jedoch vielfach auch den entlegenen und wirtschaftlich völlig uninteressanten Waldbeständen ein hohes öffentliches Interesse als Schutzwald mit einem hohen Rückhaltevermögen von Niederschlagswasser zuerkannt, was wiederum die wirtschaftlich tragbare Wilddichte in Regionen mit an und für sich hoher biotischer Tragfähigkeit stark reduziert.

Neben der biotischen und wirtschaftlichen Tragfähigkeit spielt auch die grundsätzliche Bereitschaft der Menschen, eine Wildtierart in einem bestimmten Gebiet bzw. Raum zu akzeptieren oder anderenfalls sogar bewusst Maßnahmen zu setzen, um diese Tierart in die Kulturlandschaft zu integrieren, eine große Rolle. Dies konnte auch als „ideologische Tragfähigkeit“ bezeichnet werden, wenn trotz ausreichend hoher biotischer und wirtschaftlicher Tragfähigkeit eines bestimmten Gebietes keine Akzeptanz bei den Grundeigentümern bzw. der Bevölkerung für das Vorkommen von Rotwild gegeben ist (eventuell Freizonenregelungen). Anderseits können Maßnahmen wie die großräumige Planung und Festlegung von Wildruhezonen mit Betretungsverboten, Wegegeboten aber auch die räumliche Deklarierung von Überwinterungsgebieten mit einer untergeordneten Bedeutung bzw. Bewertung von Wildschäden im Wald ein klares Bekenntnis für die Integration und somit Erhaltung von Rotwild in der vielseitig genutzten Kulturlandschaft sein.

Neben der allgemeinen landschaftsökologischen Ausgangssituation kann die Tragfähigkeit eines Gebietes als Rotwildüberwinterungsraum aber auch durch spezielle Maßnahmen, welche die Wildschadensanfälligkeit (Verbiss, Schäle) minimieren, erhöht werden.

Die Wildschadensanfälligkeit ist in der Regel gering, wenn

  • das Nahrungsangebot im Verhältnis zum nahrungsunabhängigen Besiedelungsanreiz hoch ist,
  • der Wald mit vorwiegend natürlichen Verfahren verjüngt wird (ohne Aufforstungen),
  • keine großflächigen Dickungen und Stangenholzbestände vorhanden sind,
  • keine verbissbeliebten Baumarten im Verjüngungsziel enthalten sind und Nebenbaumarten wie z.B. Eberesche als Verbissbaumart betrachtet werden,
  • ein entsprechend lockerer Beschirmungsgrad der Waldbestände die Entwicklung der Strauchschicht und Naturverjüngung fördert,
  • das Nahrungsangebot im Sommer nicht unnatürlich hoch über dem Nahrungsangebot im Winter liegt,
  • der Waldflachenanteil nicht zu gering ist,
  • die Waldverteilung nicht inselförmig ist,
  • ausreichend gut verteilte Ruheräume in wenigen schadensanfälligen Bereichen vorhanden sind.

Gegenwärtig scheint die Beurteilung der Biotoptragfähigkeit der einzelnen Lebensräume für die Überwinterung des Rotwildes immer mehr aus wirtschaftlicher (schadensabhängiger) und ideologischer Sicht zu erfolgen, wobei der Toleranzspielraum für den Einfluss des Rotwildes auf seinen Lebensraum vor allem von öffentlicher Seite her immer enger gehalten wird. Dies lässt für die nähere Zukunft eine intensive Diskussion über die Art und Weise der jagdlichen Handhabung des Rotwildes erwarten.

Verfasser: DI Hubert Schatz, Wildökologe, Amt der Vorarlberger Landesregierung

Verwendete Literatur: F. Reimoser, S. Reimoser, E. Klansek, 2006: „Wild-Lebensräume“

Habitatqualität, Wildschadensanfälligkeit, Bejagbarkeit. Zentralstelle Österreichische Landesjagdverbände, Wien.


 

 

 

 

 

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