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Bildung - Landesarchiv

März: Am Grenzbahnhof Feldkirch 1919

Visum für Stefan Zweig, 4. Jänner 1919

 

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (1881 bis 1942) berichtete seit 1917 für die Wiener „Neue Freie Presse“ aus Zürich. Für seine Rückkehr ins niedergeschlagene „Deutsch-Österreich“ benötigte der Schriftsteller dieses Passvisum, das in den Akten der Bezirkshauptmannschaft Feldkirch überliefert ist. Am Grenzbahnhof Feldkirch wurde Zweig am 23. März 1919 Zeuge, wie Karl von Habsburg-Lothringen ins Schweizer Exil reiste. Darüber berichtete er in seiner Autobiographie "Die Welt von Gestern", die 1942 posthum erschien:

 

„Bei der Rückkehr nach Österreich über die Grenzstation Feldkirch stand mir ein unvergeßliches Erlebnis bevor. Schon beim Aussteigen hatte ich eine merkwürdige Unruhe bei den Grenzbeamten und Polizisten wahrgenommen. Es kam der Glockenschlag, der das Nahen eines Zuges ankündigte. Die Polizisten stellten sich auf, alle Beamten eilten aus ihren Verschlägen. Langsam, majestätisch rollte der Zug heran, ein Zug besonderer Art, ein Salonzug. Die Lokomotive hielt an. Eine fühlbare Bewegung ging durch die Reihen der Wartenden, ich wußte immer noch nicht warum.

Da erkannte ich hinter der Spiegelscheibe des Waggons hoch aufgerichtet Kaiser Karl, den letzten Kaiser von Österreich und seine schwarzgekleidete Gemahlin, Kaiserin Zita. Ich schrak zusammen: Der letzte Kaiser von Österreich, der Erbe der habsburgischen Dynastie, die siebenhundert Jahre das Land regiert, verließ sein Reich! Weil er die formelle Abdankung verweigerte, hatte die Republik seine Abreise erzwungen. Nun stand der hohe ernste Mann am Fenster und sah zum letzten Mal die Berge, die Häuser, die Menschen seines Landes.

Es war ein historischer Augenblick, den ich erlebte - und doppelt erschütternd für einen, der in der Tradition des Kaiserreichs aufgewachsen war, der als erstes Lied in der Schule das Kaiserlied gesungen, der später in militärischem Dienst diesem Manne, der da in Zivilkleidung ernst und sinnend blickte, ‚Gehorsam zu Wasser, zu Land und in der Luft’ geschworen.

Ich hatte unzählige Male den alten Kaiser gesehen in der heute längst legendär gewordenen Pracht der großen Festlichkeiten, ich hatte ihn gesehen, wie er von der großen Treppe in Schönbrunn, umringt von seiner Familie und den blitzenden Uniformen der Generäle, die Huldigung der achtzigtausend Wiener Schulkinder entgegennahm, die, auf dem weiten grünen Wiesenplan aufgestellt in rührendem Massenchor Haydns ‚Gott erhalte’ sangen. [...]

‚Der Kaiser’, dieses Wort war für uns der Inbegriff aller Macht, allen Reichtums gewesen, das Symbol von Österreichs Dauer, und man hatte von Kind an gelernt, diese zwei Silben mit Ehrfurcht auszusprechen. Und nun sah ich seinen Erben, den letzten Kaiser von Österreich, als Vertriebenen das Land verlassen. Die ruhmreiche Reihe der Habsburger, die von Jahrhundert zu Jahrhundert sich Reichsapfel und Krone von Hand zu Hand gereicht, sie war zu Ende in dieser Minute. Alle um uns spürten Geschichte, Weltgeschichte in dem tragischen Anblick. Die Gendarmen, die Polizisten, die Soldaten schienen verlegen und sahen leicht beschämt zur Seite, weil sie nicht wussten, ob sie die alte Ehrenbezeigung noch leisten dürften, die Frauen wagten nicht recht aufzublicken, niemand sprach, und so hörte man plötzlich das leise Schluchzen der alten Frau in Trauer, die von wer weiß wie weit gekommen war, noch einmal ‚ihre’" Kaiser zu sehen. Schließlich gab der Zugführer das Signal. Jeder schrak unwillkürlich auf, die unwiderrufliche Sekunde begann. Die Lokomotive zog mit einem starken Ruck an, als müsste auch sie sich Gewalt antun, langsam entfernte sich der Zug.“

 

Beide starben im Exil. Karl 1922 auf Madeira, der jüdische Schriftsteller Stefan Zweig nahm sich, vom Nationalsozialismus verfemt, 1942 in Brasilien das Leben.

 

Ulrich Nachbaur

 

VLA: Bezirkshauptmannschaft Feldkirch I, Sch. 475 SF Passvisa

 

Literaturtipps:

Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Stocholm 1942 (Vorarlberger Landesbibliothek, Stadtbibliothek Feldkirch)

Ulrich Nachbaur, Als der Zug langsam in Feldkirch einfuhr. Literarische Erinnerungen an die Flucht aus Österreich in die Schweiz im Frühjahr 1938

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