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Geschichte des St. Gallusstiftes in Bregenz
(Lukas Schenker OSB, Mariastein)
Vorgeschichte
Im Verlauf des schweizerischen Kulturkampfes, der insbesondere auch im
Kanton Solothurn heftig tobte, wurde im Jahre 1874 das
Benediktinerkloster Mariastein zusammen mit zwei weltlichen
Chorherrenstiften durch das Parlament säkularisiert, wozu das
Solothurner Volk in einer Abstimmung sein Einverständnis gab. Im Frühjahr
1875 wurden Abt und Mönche gewaltsam aus dem Kloster gewiesen. Sie übersiedelten
in das nahe an der Grenze liegende französische Städtchen Delle (Territoire
de Belfort). Dort konnten sie bereits im Herbst mit Hilfe von
Weltpriestern eine Schule (Ecole libre de St-Benoit) eröffnen. Da das Säkularisierungsgesetz
von 1874 die Wallfahrt in Mariastein garantierte, durften einige Patres
zur Betreuung der Marienwallfahrt im Kloster bleiben. Auch änderte sich
nichts am Besetzungsrecht der damals noch sieben Klosterpfarreien, sodaß
trotz Exil mehrere Konventualen in der Schweiz in anerkannter Stellung
verweilen durften. Die gute Entwicklung in Delle ermöglichte den Ausbau
von Schule und Kloster. Doch bereiteten die französischen
Kongregationsgesetze von 1901 dem dortigen Kloster ein abruptes Ende.
Bemühungen, im Elsaß oder in Süddeutschland eine neue Niederlassung
zu finden, schlugen aus politischen Gründen fehl. So blieben nur noch
die habsburgischen Lande. Nachdem verschiedene Angebote in der weitläufigen
Donau-Monarchie geprüft worden waren, entschloß man sich 1902, um der
ein Jahr dauernden Heimatlosigkeit ein Ende zu bereiten, die
leerstehenden Gebäulichkeiten auf dem Dürrnberg bei Hallein zu kaufen,
die den bayerischen Redemptoristen während des Kulturkampfes als Exil
gedient hatten.
Ebenfalls im Jahre 1902 hatte der Abt nach längerem Zögern dem
wiederholten Gesuch aus dem Kanton Uri stattgegeben, in Altdorf die
Leitung und Führung des neu zu gründenden Kollegiums Karl Borromäus
(Mittelschule mit Internat) zu übernehmen, das dann im Herbst 1906 eröffnet
werden konnte.
Schon bald zeigte sich, daß Dürrnberg für die vielfältigen
Verpflichtungen in der Schweiz, wofür man auch auf Nachwuchs aus der
Schweiz angewiesen war, ungünstig lag. Der 1905 zum Abt gewählte
Augustinus Rothenflue (1866-1919) machte es sich sogleich zur Aufgabe,
dem Konvent in der Nähe der Schweizer Grenze eine neue definitive
Niederlassung zu suchen, nachdem eine noch immer erhoffte Rückkehr nach
Delle wegen der andauernden politischen Verhältnisse unmöglich blieb.
Da weiterhin das deutsche Reichsgebiet für eine Klostergründung durch
Ausländer verschlossen war, sah sich der Abt zuerst im Fürstentum
Liechtenstein um, wozu aber der zuständige Bischof von Chur seine
Zustimmung versagte. So blieb allein Vorarlberg übrig. Der rührige und
unternehmungsfreudige Priester Dr. Josef Häusle (1860-1939) in
Feldkirch half Abt Rothenflue sehr, ein geeignetes Anwesen zu finden. Er
wies u.a. auf Möglichkeiten in Jagdberg, Viktorsberg, Frastanz und
Tosters hin, schließlich auch auf das Schlößchen Babenwohl in
Bregenz, das die Besitzerin Adèle Fitz Gibbon, geb. Baronin von
Poellnitz (gest. 1928) verkaufen wollte. Nach längeren Verhandlungen
wegen des Preises und einigem Zögern seitens des Abtes unterzeichneten
Frau Fitz Gibbon und Abt Rothenflue in Salzburg am 28. April 1906 einen
Revers, der den Verkauf des Gutes Babenwohl an Abt Augustin um 75.000
Kronen festlegte, sobald die kirchliche und staatliche Genehmigung
vorliege.
Am 1. Mai gab der Fürstbischof Josef Altenweisel von Brixen seine
Einwilligung. Gegen diese Genehmigung erhob verständlicherweise die
Zisterzienserabtei Mehrerau Einspruch. Doch blieb der Bischof bei seiner
Zustimmung, da ihm Abt Augustin versicherte, in Bregenz keine äußere
pastorale Tätigkeit aufzunehmen, sondern nur ein Kloster zu gründen,
das gleichsam Pflanzstätte für den Personalbedarf für die
verschiedenen Verpflichtungen in der Schweiz sein sollte. Am 16. Juni
erteilte das k.k. Ministerium für Kultus und Unterricht der k.k.
Statthalterei für Tirol und Vorarlberg in Innsbruck die Vollmacht, die
Erlaubnis zur Verlegung des Klosters von Dürrnberg nach Bregenz zu
erteilen. Diese stellte ihrerseits die Niederlassungsbewilligung am 30.
Juni aus, stellte aber u.a. die Bedingung, daß alle sich dort dauernd
niederlassenden Konventualen die österreichische Staatsbürgerschaft
besitzen bzw. erwerben müßten. Am 4. Juli approbierte auch die zuständige
römische Kongregation auf Bitten des Abtes von Einsiedeln und Präses
der Schweizerischen Benediktinerkongregation die vorgesehene Neugründung
in Bregenz. So konnte nun am 3. August 1906 der definitive Kaufvertrag für
das Anwesen Babenwohl ausgefertigt werden. Nach einigen baulichen Änderungen
im Schlößchen Babenwohl übersiedelten Ende September/Anfang Oktober
die Dürrnberger Benediktiner nach Bregenz, gleichzeitig wurde in
Altdorf das Kollegium eröffnet.
Das neue Kloster nannte sich "Benediktinerstift St. Gallus" in
Erinnerung an den hl. Gallus, denn auf dem neuen Klostergelände stand
ehemals die 1808 zum Abbruch versteigerte alte St. Gallenstein-Kirche.
Ausbau
Das Schlößchen Babenwohl, das 1854 Baron Ernst von Poellnitz aus Würzburg
angekauft hatte und für seine Zwecke teilweise umgestalten ließ, war
von seiner Größe und inneren Einrichtung her wenig geeignet für ein
Benediktinerkloster. Aber das Gelände bot die Möglichkeit für einen
Ausbau. Sofort wurden Pläne gemacht für einen Neubau in der nordöstlichen
Achse des Altbaues. 1907 ließ dann Abt Augustin einen stattlichen
Klosterbau nach den Plänen des Architekten Lukas Geis (1854-1935) aus
Freiburg i.Br. errichten. Dieser war so konzipiert, daß sich daran
weitere Bauten reihen konnten. Der breite Gang des Erdgeschosses neben
dem Refektorium wurde als provisorische Kapelle, die auch öffentlich
zugänglich war, eingerichtet. 1910/11 wurde rechtwinklig daran der sog.
Bibliothekstrakt erstellt, wo im Erdgeschoß die Klosterbibliothek
eingerichtet wurde, und gleich daran bereits der Chorraum der
projektierten Kirche. Die Pläne dazu stammten vom bedeutenden
Kirchenbauer Architekt Adolf Gaudy (1872-1956) von Rapperswil, damals in
Rorschach. Das Kirchenschiff, ein Zentralbau mit Kuppel und Laterne,
wurde in den Jahren 1914/15 errichtet. Die Klosterkirche macht insgesamt
einen klassizistischen Eindruck, aufgelöst jedoch durch leicht
barockisierende Ornamentierung. Wegen des Krieges wurde die Kirche in
aller Stille am 3. Februar 1916 benediziert. Für die Ausstattung der
Kirche benutzte man Elemente aus der 1913 abgebrochenen Klosterkirche zu
Delle. Für den aus Delle übernommenen Hauptaltar, der dem Mariasteiner
Hochaltar nachgebildet war, malte 1911 Professor Martin Feuerstein das
Altarblatt (Predigt des hl. Gallus in Bregenz, heute in Mariastein).
Professor Theodor Schnell von Ravensburg schuf den Armen-Seelen-Altar
(nicht mehr vorhanden) und für das Kommuniongitter die Entwürfe, die
die Kunstschlosserei Mäser in Dornbirn 1919 ausführte. Nur geplant
war, auf der anderen Seite des Chores der Kirche auf der Achse des
Bibliothekstraktes einen weiteren Klosterbau zu errichten. Der
Klosterfriedhof neben dem Haupteingang zur Kirche wurde 1913 angelegt.
Hier ist auch der Gründerabt des St. Gallusstiftes Augustinus
Rothenflue (gestorben 1919) begraben.
Entwicklung und Tätigkeit des Konventes
Die Erwartungen, die Abt Rothenflue in den neuen Standort seiner Gründung
gesetzt hatte, erfüllten sich hinsichtlich des Wachstums der Mönchsgemeinschaft
zusehends. Aus der Schweiz meldeten sich Klosterkandidaten, nicht
zuletzt aus dem Kollegium in Altdorf, das andererseits aber auch neue
Lehrkräfte erforderte. Der Herkunft nach blieb der Konvent mehrheitlich
schweizerisch, doch kamen auch Neueintritte aus Deutschland, weniger aus
Österreich selber. Bestand die Klostergemeinschaft 1905 aus 35
Mitgliedern (Patres, Klerikern und Laienbrüdern), so war der
Personalbestand 1915 bereits auf 53 gestiegen, wovon allerdings ein großer
Teil in der Schweiz wirkte. Dann stagnierte er etwas bis 1925, stieg
dann 1935 auf 67 und erreichte 1940 den Höchststand von 70 Personen.
Die theologische Ausbildung erhielten die Klerikerfratres zumeist an der
eigenen theologischen Hausschule; zeitweise waren dafür auch auswärtige
Lehrer angestellt. Die Klosterbibliothek wurde dafür ausgebaut. Aus Rücksicht
auf die anderen Klöster in Bregenz wurde keine äußere Tätigkeit
gesucht, auf Anfrage hin allerdings wurden Seelsorge und
Religionsunterricht in den Frauenklöstern der Umgebung oder
Seelsorgeaushilfen geleistet. Großen Wert legte man auf eine gepflegte
Liturgie (mit gregorianischem Choral), die nach der Errichtung der
Klosterkirche auch von auswärts gerne besucht wurde. Bewußt suchte man
den Anschluß an die Liturgische Bewegung im deutschen Sprachgebiet.
Durch die zeitweilige Übernahme (ab 1933) der Redaktion der
"Liturgischen Zeitschrift der Schweiz" (zuerst unter dem Titel
"Freuet euch im Herrn", dann "Himmel auf Erden"), an
der mehrere Patres und Fratres mitarbeiteten, wurde die liturgische
Spiritualität in der deutschen Schweiz gefördert. Angeboten wurden
auch liturgische Tagungen für Priester und andere interessierte Kreise.
Eine größere Wirksamkeit nach außen war schon aus personellen Gründen
nicht möglich, da die Einsatzgebiete in der Schweiz viele Kräfte
erforderten. Der zweite Abt des St. Gallusstiftes, Augustinus Borer
(1919-1937, gest. 1959) bemühte sich vor allem darum, die materielle
Existenzgrundlage des Stiftes zu sichern. So ließ er 1930 die
Gartenanlage rund um das Kloster für den Eigenbedarf und zum Verkauf
von Gemüse und Blumen ausbauen. 1930 wurde auch der Hof Lerchenau in
Lauterach angekauft und zu einem Musterbetrieb ausgebaut. Schon vorher
hatte man den kleinen Hof Kustersberg in der Gemeinde Kennelbach mit
etwas Wald erworben. 1937 wurde Dr.theol. Basilius Niederberger zum
dritten Abt des St. Gallusstiftes gewählt (im Amt bis 1971, gest.
1977).
Aufhebung und Folgen
Durch den Anschluß Österreichs an das Großdeutsche Reich 1938 sah
sich der Schweizer Konvent in Bregenz bald schon gefährdet. Im Herbst
1940 wurden zwei Schweizer Patres verhaftet, die bis 1942 in
Gefangenschaft blieben. Am 2. Januar 1941 wurde dann das Stift von der
Gestapo im Namen des Sicherheitsministeriums in Berlin wegen
"Volks- und Staatsfeindlichkeit" aufgehoben. Die Schweizer Mönche
wurden in ihre Heimat ausgeschafft. Sie durften sich in ihrem alten
Kloster zu Mariastein asylrechtlich niederlassen. Das St. Gallusstift
wurde samt Immobilien beschlagnahmt, die Kirche profaniert. Die Gebäulichkeiten
wurden für eine landwirtschaftliche Schule zur Verfügung gestellt, später
für ein Reservelazarett. Nach dem Kriege wurde das Kloster vom Konvent
wieder übernommen, und ein Pater nahm dort wieder Wohnsitz. Der Rückstellungsbescheid
der Finanzlandesdirektion Feldkirch erfolgte allerdings erst 1948. Nach
Ostern 1946 wurden Teile des Hauses an das Oberlyzeum bzw.
Bundesgymnasium für Mädchen ausgemietet (das bis 1983 dort blieb).
Eine Rückkehr der Schweizer Mönche nach dem Kriege ins St.Gallusstift
kam aus verschiedenen Gründen nicht mehr in Frage. Als 1970/71 das
Kloster Mariastein staatsrechtlich wieder hergestellt wurde, war der Weg
frei, die Besitzungen in Vorarlberg zu veräußern. Der Hof in Lauterach
wurde 1976 an das Stift Mehrerau veräußert. Das Kloster selber
gelangte 1981 durch Kauf an das Land Vorarlberg, das dort seine
Landesbibliothek einrichtete.
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