Fantasie und Wirklichkeit klaffen beim Herzinfarkt weit auseinander. In der geläufigen Filmversion erleidet der Held einen stechenden Brustschmerz, der ihn zusammensacken lässt. Auf dem Boden kniend, schnappt er nach Luft, sieht sich nach Hilfe um, schwitzend, aber es kommt niemand. Der Atem wird immer kürzer, der Druck immer stärker. Er reißt ein letztes Mal den Arm in die Höhe und fällt dann in Ohnmacht.
Die Realität ist weniger dramatisch als die Vorstellung. Das Problem ist eher, dass die Betroffenen zu lange warten, weil die Schmerzen nicht als lebensbedrohlich erkannt werden. „Wer früh genug zu uns kommt, überlebt den Infarkt“, sagt Thomas Kaiser. Er sollte es wissen. Denn als Oberarzt für interventionelle Kardiologie am Landeskrankenhaus in Feldkirch behandelt er täglich Herzpatienten. Heute stehen neun Namen auf der Wandtafel im Operationssaal. „Im Jahr 2010 haben wir 1581 Katheteruntersuchungen am Herz gemacht“, führt Doktor Kaiser aus: „Bei 620 Eingriffen mussten verengte Herzkranzgefäße gedehnt oder verschlossene wieder geöffnet werden.“ Diese Behandlung sei bei dem älteren Herrn, der auf dem Operationstisch liegt, ebenfalls sehr wahrscheinlich. Er leidet an einer Nierenstörung, klagt über Kurzatmigkeit; die Blutwerte und das Elektrokardiogramm sind auffällig. Christiane Grimm-Blenk, eine Kollegin, die gerade aus der Mittagspause zurückgekommen ist, liest die Befunde durch, als ihr Dienst-Handy zu klingeln beginnt. Sie meldet sich, nickt ein paar Mal. Dann sieht sie uns an und sagt: „Ein Notfall – jetzt erleben Sie gleich live, wie es abläuft.“
24-Stunden-Dienst zur Behandlung von Herzinfarkten
Der Weg zum professionellen Betrieb im Herzkatheterlabor zog sich über viele Jahre. Werner Benzer betrat ihn Ende der 1980er: „Vorher habe ich fast täglich bei der Universitätsklinik in Innsbruck angerufen, um Patienten für Herzkatheter-Untersuchungen anzumelden“, erinnert sich der Primararzt. Seine Überzeugung, dass der Eingriff auch am Landeskrankenhaus möglich sein müsse, setzte sich politisch durch, nachdem ein „Herztag“ die Vorarlberger Öffentlichkeit über den medizinischen Entwicklungsstand aufgeklärt hatte. Ab 1989 wurde die sogenannte Koronarangiographie dann regelmäßig in Feldkirch durchgeführt.
Zufrieden war Benzer mit dieser Situation jedoch nicht: „Wir konnten zwar jeden Tag Engstellen in den Herzkranzgefäßen diagnostizieren, sie aber nicht beseitigen.“ Um eine geeignete Behandlungsmethode zu erlernen, ging der Kardiologe an das Universitätsspital nach Zürich, wo man 1977 die erste Ballondehnung vorgenommen hatte. 1995 führte er dieses Verfahren, das die verengten Gefäße wieder erweitern soll, am Landeskrankenhaus ein. Die entscheidende Etappe erreichte der hartnäckige Mediziner gut zehn Jahre später: Seit Ende 2006 können Herzinfarkt-Patienten als Notfälle rund um die Uhr im Katheterlabor behandelt werden. „Damit haben wir den Herzinfarkt als unabwendbares Schicksal in Vorarlberg besiegt“, sagt Primar Benzer, dessen Team inzwischen aus zweiundzwanzig Mitarbeitern besteht.
Zusammenarbeit mit den Notärzten vor Ort
Oberärztin Grimm-Blenk, eine der sechs Kardiologen der Abteilung, hat den Katheter bereits an der Leiste in die Schlagader geführt und schiebt ihn nun zum linken Herzkranzgefäß vor. „Alles in Ordnung?“, fragt sie den Patienten, der bei vollem Bewusstsein ist und die Untersuchung am Bildschirm mitverfolgt. Der 86-Jährige wurde mit dem Krankenwagen eingeliefert, in der Ambulanz untersucht und sofort ins Katheterlabor gebracht. „Die Diagnose lautet klar auf Herzinfarkt“, erläutert Doktor Kaiser: „Zeit ist jetzt Muskel.“ Je schneller die Verschlussstelle gefunden wird, desto weniger Schaden erleidet das Herz. Dass dem Patienten schon Bypässe eingesetzt wurden, ist an den Drähten im Röntgenbild zu erkennen. Oben, am Abgang aus der Hauptschlagader, entdeckt die Kardiologin schließlich einen Abschnitt, wo das eingespritzte Kontrastmittel stecken bleibt. Mithilfe eines Ballons drückt sie den Gefäßverschluss auf, setzt eine Metallstütze ein und zieht den Plastikschlauch durch die Arterie wieder heraus.
„Bei drei Viertel unserer Notfälle muss auch eine Dehnung gemacht werden“, berichtet Oberarzt Kaiser. Die gezielte Vorauswahl der Patienten erspare dem Gesundheitssystem eine Menge Geld, da es kaum Fehleinsätze gebe. „Der Erfolg der Therapie hängt von der Zusammenarbeit mit den Kollegen vor Ort ab“, ergänzt Primar Benzer: „In Vorarlberg dauert der Transport beim Herzinfarkt durchschnittlich weniger als eine Stunde.“ Die Ärzte können die Kardiologen nicht nur jederzeit per Notruf erreichen, sondern auch die EKG-Daten direkt aus dem Rettungswagen übertragen. Mit diesen Informationen entscheiden die Herzspezialisten, ob eine Katheteruntersuchung nötig ist; andernfalls kann die Behandlung im nächstgelegenen Krankenhaus erfolgen. Als „vorbildlich“ bezeichnet Doktor Kaiser, der vorher in einer großen Klinik in Deutschland gearbeitet hat, die langfristige Betreuung der Herzpatienten: „Da fast jeder Infarkt in Vorarlberg bei uns behandelt wird, gehen wir auf die Leute zu und begleiten sie bis zur vollständigen Genesung.“ Ist dieser Ansatz für den arbeitsteiligen Alltag im Spital nicht untypisch? Er sei auch überzeugter Sportarzt, erwidert Werner Benzer: „Wir machen Medizin für den ganzen Menschen – nicht für zwei Zentimeter im Herzkranzgefäß.“