Die Mikrotechnik ist eine demokratische Wissenschaft. Egal, ob man in Jeans und ungekämmt oder im Kleid mit hochgesteckter Frisur daherkommt – im Labor sehen alle gleich aus: weißer Overall, Haarnetz, Gummihandschuhe, Sandalen und Gamaschen. „Echt mühsam mit dem Bauch“, klagt Sandra Stroj in der Umkleidekabine. Die Laserspezialistin ist im siebten Monat schwanger, was den alltäglichen Wechsel zwischen Büro und Reinraum nicht gerade erleichtert. „Die Prozedur ist aber notwendig“, fügt die 35-jährige Harderin hinzu, „denn nach unseren Maßstäben sind Staubkörner wie Steine.“ Im mikrotechnischen Forschungszentrum der Fachhochschule Vorarlberg werden Strukturen bearbeitet, die mit freiem Auge nicht zu erkennen sind. Ein Kollege aus der Slowakei legt eine Siliziumscheibe ins Elektronenmikroskop, die lithografisch belichtet und nasschemisch geätzt wurde. Ihr Bereich sei nicht zu übersehen, sagt die junge Chemikerin daneben: „Es ist das Zimmer mit den Totenköpfen.“
Gelungenes Experiment
Wir betreten lieber die Werkstatt von Frau Stroj. Auf dem Arbeitsplatz liegt ein grauer Kasten mit einer runden Öffnung, vor der verschiedene Linsen platziert sind. „Der Laserstrahl kommt beim Loch heraus und wird durch die Optiken in die richtige Form gebracht“, erklärt die Forscherin. Am Ende der Anlage trifft der fokussierte Strahl auf ein Bauteil, zum Beispiel aus Glas, das präzise geschnitten oder gebohrt wird. Sie habe als kleines Mädchen aber nicht mit Lego gespielt, stellt Frau Stroj klar: „Ich wollte so lange Geigerin werden, bis sich zeigte, dass mein Übungsfleiß nicht für die großen Konzertsäle reicht.“ Das Studium der Fertigungsautomatisierung an der Fachhochschule sei eher ein Experiment gewesen, das offenbar gelungen ist. Denn es folgten ein Doktorat an der Technischen Universität in Wien und ein Forschungsaufenthalt in Kreta, von dem sie „mit internationalen Publikationen und ein paar Kilos mehr“ zurückkehrte. Für die Doktorarbeit erhielt Frau Stroj dann einen Wissenschaftspreis des Landes Vorarlberg. „Die Themenwahl war eigentlich Zufall“, sagt die Technikerin. Nach dem Studium in Dornbirn bot sich die Möglichkeit, mit der Firma HighQLaser zusammenzuarbeiten: „Deshalb untersuchte ich in meiner Dissertation Verfahren der Laserablation, konkret die Frage, wie man Halbleiter mit Ultrakurzpuls-Lasern bearbeiten kann.“
Für Daniel Kopf, den Geschäftsführer des Rankweiler Unternehmens, handelt es sich um eine Kooperation, von der alle profitieren. „Wir produzieren die Laser, die am Forschungszentrum wissenschaftlich eingesetzt werden“, erläutert der studierte Physiker. „So entstehen nicht nur innovative Anwendungen, sondern auch neue Märkte.“ Kopf gründete HighQLaser, um die Ergebnisse seiner Dissertation, die er an der ETH Zürich geschrieben hatte, wirtschaftlich zu nutzen. Seine Firma stellt seit 1999 Lasersysteme her, die derart kurze Lichtblitze aussenden, dass sich keine Wärme entwickeln kann. Eine Technologie, die zum Beispiel in der Medizin auf große Nachfrage stößt: „Mit unseren Lasern werden bei Augenoperationen exaktere Hornhaut-Schnitte gemacht, als sie mit dem Skalpell möglich sind“, führt der Unternehmer aus. Die Zusammenarbeit mit den Mikrotechnikern der Fachhochschule läuft vor allem über Forschungsprojekte, die vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert werden. Laut Kopf ist die Antragstellung bei der EU zwar aufwändig, für einen hochtechnologischen Betrieb wie HighQLaser aber unverzichtbar. Was den Standort betrifft, so habe er sich „als Vorarlberger für Vorarlberg“ entschieden. „Es war ein guter Entschluss“, sagt der Geschäftsführer heute. „Denn die Liefersituation und die Fachkräfte sind in der Region ausgezeichnet – die Laserspezialisten kommen ohnehin von überall her.“
Viele Bastler und eine Fachfrau
Das junge, topausgebildete Team lockte auch Sandra Stroj in das Unternehmen: „Man arbeitet Tür an Tür mit Diplomingenieuren und Doktoren aus ganz Europa. Das schafft eine Atmosphäre wie an internationalen Forschungsinstituten.“ Seit 2008 – dem Jahr, als HighQLaser den Vorarlberger Innovationspreis erhielt – ist sie für das Produktmarketing zuständig. Sie verfasst wissenschaftliche Artikel, die das Potential der Ultrakurzpuls-Laser in Laborversuchen belegen. „Dienstleistung für Kunden mit Forschungscharakter“, nennt die Technikerin diese Tätigkeit, der sie zwei Tage pro Woche nachgeht. Von Mittwoch bis Freitag ist Frau Stroj an der Fachhochschule in Dornbirn zu finden: „Aber leider immer öfter im Büro als im Labor.“
Obwohl die Planung und Auswertung der Versuche am Computer geschieht, muss der Reinraum mit den Schwebstoff-Filtern rund um die Uhr laufen. Ein entscheidender Kostenfaktor, wie Johannes Edlinger, der Leiter des Forschungszentrums, betont: „Wir sind aber in der glücklichen Lage, dass der Aufwand für den Betrieb und das Personal vom Land Vorarlberg getragen wird.“ 2004 eröffnet, finanziert sich die mikrotechnische Studienanstalt heute zu einem Drittel über Forschungsprojekte, die gemeinsam mit Unternehmen durchgeführt werden. Es sei aber noch viel Überzeugungsarbeit nötig, sagt Edlinger: „Die regionale Wirtschaft hat gewisse Vorbehalte gegen akademische Einrichtungen, was auch mit der fehlenden Wissenskultur in Österreich zusammenhängt. Der Bastler sollte den Forscher freilich nicht als Besserwisser, sondern als Fachmann betrachten.“ Oder als „Fachfrau“, ergänzt Sandra Stroj lächelnd. Sie legt die Hand auf den runden Bauch. Werden sich Kind und Karriere vereinbaren lassen? Ein Hausmütterchen sieht jedenfalls anders aus.