„Des sötsch m’r net da Rind’r geh“, sagt Lukas und nimmt die Heugabel selbst in die Hand. Der Reporter aus der Landeshauptstadt versucht sich nützlich zu machen, als er nachmittags in den Stall von Ernst Bickel kommt, wo die Kühe gerade Futter kriegen. Aber schon der erste Handgriff verrät die Herkunft vom Schreibtisch. Denn es gibt zwei Heuarten, wie Lukas, der älteste Sohn, erklärt: „Des satter, mehrmädige isch för d’Milchküa – und des mag’r kunt s’Jongvech öb’r.“ Mit einem Kran, der an der Stalldecke montiert ist, greift der Biobauer aus Blons das trockene Gras vom Heuboden auf. Den acht Jungtieren wirft Lukas die strohigen Büschel hin, den fünfzehn ausgewachsenen Kühen ein paar dunkelgrüne. Als das Muhen verstummt, hört man eine Handvoll Kälber stampfen, die im eigenen Gatter aufgezogen werden. Zwischen dem Braunvieh tut sich ein geflecktes Kälbchen hervor, eine Kreuzung der Rassen Rot- und Schwarzbunte: „s’Tschäggli“, nuschelt Herr Bickel und krault es am Hals.
Generationswechsel
Die knapp dreißig Hektar Boden, die im Sommer gemäht werden, liefern genug Heu, um die gefräßigen Mäuler zu sättigen. „Wir möchten kein Futter zukaufen“, sagt der Bauer. Seine Landwirtschaft werde „Natur angepasst“ geführt. Das heißt, dass die Tiere kein Kraftfutter und die Wiesen Zeit bekommen, sich von der Ernte zu erholen. Höchstens zweimal im Jahr heut und düngt Ernst Bickel sein Land. Die Kühe am Blonser Hof wiegen 550 bis 600 Kilogramm und geben rund zwanzig Liter Milch pro Tag: „Halb so viel wie in Hochleistungsbetrieben“, erwähnt Lukas. Der junge Zimmermann erinnert an den Umbau im Jahr 2003, als mit Holz aus dem eigenen Fichtenwald ein Laufstall errichtet wurde. Seither steht auch eine Melkanlage zur Verfügung, an die man vier Kühe gleichzeitig anschließen kann. Die Milch fließt durch Stahlleitungen in einen Kessel, wo sie abgekühlt wird. Kurz nach sechs Uhr morgens wartet der Tankwagen der Sennerei Thüringerberg an der Hauptstraße. Und wann fängt der Tag am Hof an? „Um zehn nach vier“, sagt Herr Bickel: „Frühstück gibt’s dann um sieben.“
Die Landwirtschaft hat Ernst Bickel von seinem Vater geerbt, der in Blons Volksschullehrer war. Weil nach dem Lawinenunglück von 1954 eine starke Abwanderung einsetzte, konnte die Familie Bickel den Grundbesitz stetig erweitern. Bei der Übernahme war der Betrieb groß genug, um ihn hauptberuflich zu führen. „Und bald findet der nächste Generationswechsel statt“, sagt der 1951 geborene Bauer. Wenn der Hof an Lukas übergeht, der wie sein Vater Landwirtschaftsmeister ist, ziehen die Eltern ins Ausgedinge, das talabwärts liegt. „Man sollte dem Nachfolger nicht vor die Haustür sehen“, meint Herr Bickel. „Wir haben es damals auch sehr geschätzt, dass uns niemand hineinreden wollte.“ Er freut sich über das Interesse des Sohnes, betont aber, den Kindern müssten die Vorzüge des landwirtschaftlichen Berufs vermittelt werden: „Für mich bedeutet Lebensqualität, Entscheidungsfreiheit und Verantwortung zu haben. Der Bauer ist Herr über seinen Hof, über seinen Boden, über seinen Wald.“ Trotzdem dürfe das Leben nicht nur aus Arbeit bestehen. Die Sonntage frei zu halten und regelmäßig in den Urlaub zu fahren, sei für den Zusammenhalt der Familie wichtig gewesen.
Landschaftspfleger
Früher war Ernst Bickel auch Vizebürgermeister von Blons. Bei den Gemeindewahlen 2010 stand sein Name nicht mehr auf der Liste: „Pensionisten sollten keine Politik machen“, sagt er. Den Sitz im Vorarlberger Naturschutzrat will er aber weiterhin für seine Anliegen nützen. In dem vierköpfigen Gremium, das die Landesregierung berät, vertritt er die regionale Landwirtschaft, was nicht immer einfach sei. „Als Biobauer gehöre ich zu einer Minderheit, die großen Wert auf ökologische Fragen legt“, erläutert Herr Bickel. „Viele Kollegen fürchten die strengen Richtlinien und Kontrollen, die für biologische Produkte gelten.“ In seinen Augen sollten sich die Bauern als Landschaftspfleger verstehen, wobei kritisch zu fragen sei: „Ist es eine Landschaftspflege, wenn man Kühe züchtet, die achthundert Kilo wiegen? Wenn man ein Stück Boden viermal güllt? Wenn fünfmal im Jahr geheut wird?“ Wer eine der Natur angepasste Landwirtschaft betreibe, erzeuge gesunde Lebensmittel und schaffe Erholungsgebiete für seine Mitmenschen. „Dann sind alle finanziellen Förderungen gerechtfertigt“, sagt Herr Bickel.
Eine Prämie gibt es zum Beispiel für das Alpen der Kühe in den Sommermonaten. Gemeinsam mit fünf Bauern aus Blons bewirtschaftet Ernst Bickel die Alpe Sera, die auf gut 1.600 Meter am Fuß der Löffelspitze liegt. Mehr als hundert Stück Vieh werden hier von Juni bis September auf den Berghängen gehütet. Um die Molke der eigenen Sennerei zu verwerten, halten die Hirten auch Alpschweine, die im Herbst geschlachtet werden. „Die Frage, ob man auf den Alpen Kraftfutter verwenden darf, wurde im Rahmen des Biosphärenparks stark diskutiert“, erinnert sich Herr Bickel. Seit dem Jahr 2000 gehört das Große Walsertal zu den „Modellregionen für nachhaltige Entwicklung“ – ein Prädikat, das von der internationalen Kulturorganisation UNESCO vergeben wird. „Biosphärenpark heißt aber nicht, ein Naturmuseum zu errichten“, führt der Landwirt aus. „Es geht um die bewusste Gestaltung eines Lebensraums, um die wechselseitige Beziehung von Mensch und Umwelt.“ Man habe sich geeinigt, das Kraftfutter auf den Alpen zur Notversorgung zu erlauben. Eine Lösung, die Ernst Bickel noch zu wenig konsequent ist: „Die Gesellschaft erwartet vom Bergbauer etwas anderes.“