Die Klassentüren bleiben offen: Ein paar Buben und Mädchen lesen am Schreibtisch, andere tippen an den Computern im Foyer. Die Lehrer gehen von Platz zu Platz und beraten, wenn es Fragen gibt. In der Freiarbeitsstunde können die Schüler selbst entscheiden, wann sie welche Aufgaben erledigen. Seit die Alberschwender Mittelschule 2010 umgebaut wurde, steht Raum für die neue Pädagogik zur Verfügung. Denn zwischen den Klassen eines Jahrganges liegen Lernlandschaften, wo alle Lehrmittel vorhanden sind. „Man muss diese Unterrichtsform erleben“, flüstert Direktor Thomas Koch, „um den Unterschied nicht nur zu kennen, sondern zu spüren.“
Deutsch steht auf dem Stundenplan der zweiten Klasse. Die Schüler lassen sich von den Besuchern nicht stören: Während Laura im Internet recherchiert, um einen Klappentext für das Buch „Chatroom-Falle“ zu schreiben, versucht Clemens, im Übungsheft die richtigen Beistriche zu setzen. Auf den Trennwänden zwischen den Tischen kleben Fotos, Zeichnungen, Sprüche, Postkarten. „Identifikation und Verantwortung gehören zusammen“, erklärt Herr Koch. „Der eigene Platz kann persönlich gestaltet, muss aber auch selbst in Ordnung gehalten werden.“ Nach dem Unterricht wird deshalb aufgeräumt. Der Direktor weist auf die Uhr hin, die über der Klassentür hängt. Sie sieht aus wie eine Mischpalette, auf der ein Maler kräftig gekleckst hat. „Einige Möbel wurden von Schülern, Designern und Handwerkern gemeinsam entworfen und hergestellt“, sagt er. Die farbenfrohe Einrichtung passt zum neuen Gebäude, in dessen Planung eine Künstlerin eingebunden war. Orange Böden sollen aufwecken, grüne und blaue Flächen zum Vertiefen anregen. Im Pausenhof, der entgegen der eckigen Schulräume rund gestaltet ist, finden sich die Farben wieder. Auf den „Sunset-Stufen“ kommen noch braune Gesichter dazu.
Neues Lehren in neuen Räumen
Wenn Thomas Koch vom Umbau der Mittelschule erzählt, fällt ein Name gleich am Anfang: Franz Hammerer. Der aus Egg stammende Erziehungswissenschaftler, der an der Pädagogischen Hochschule Wien/Krems unterrichtet, stellte seine Ideen zur Architektur von Lernräumen 2007 in Alberschwende vor. Inspiriert von dem Referat, fuhr der Direktor nach Holland, um sich ähnliche Projekte vor Ort anzusehen. Den Ausschlag gab schließlich eine Exkursion zur Gesamtschule Bürglen in der Schweiz, die er mit seinen zwanzig Lehrern unternahm: „Ich war von der offenen Lernsituation begeistert. Die Schüler arbeiteten selbständig, ohne Kontrolle, und trotzdem war es vollkommen ruhig.“ Gemeinsam mit dem Lingenauer Architekten Jürgen Hagspiel wurde dann ein Plan entwickelt, der für jede Schulstufe ein separates Stockwerk vorsieht. Auf den Eingangstüren stehen die handgeschriebenen Namen aller Schüler eines Jahrgangs – mit Smileys, Herzchen und Kommentaren wie „Bereich der Obertschecker“. Zwischen den beiden Klassen erstrecken sich Lernoasen, wo neben den Computern kleine Tische und Hocker Platz finden. In den Wandregalen sind Bücher, Globen, Landkarten, Skelette untergebracht. „Früher konnte nur gut die Hälfte einer Etage für den Unterricht genutzt werden“, sagt Herr Koch: „Heute sind es rund neunzig Prozent.“
Da die baulichen Veränderungen mit der Einführung der Vorarlberger Mittelschule zusammenfielen, findet in den neuen Räumen heute ein neues Lernen statt. Die Lehrer sind in den Hauptfächern nicht mehr auf verschiedene Leistungsgruppen verteilt, sondern können Parallelklassen im Teamteaching gemeinsam unterrichten. Eine Pädagogik, die für Thomas Koch wesentliche Vorteile hat: „Es ist nun besser möglich, die Schüler individuell zu betreuen und die Lehrer nach ihren Stärken einzusetzen.“ In Alberschwende gehen fast alle 10- bis 14-Jährigen in die Mittelschule, weil der Weg zum nächsten Gymnasium mit Unterstufe relativ weit ist. „Wir versuchen, die Kinder ihren Begabungen entsprechend zu fördern“, sagt der Direktor. „Die entscheidende Erfahrung ist, dass die Stärksten, wenn sie gefordert werden, die Schwächsten mitziehen.“ Das sei auch in kreativen Fächern der Fall – in der Theaterwerkstatt zum Beispiel. Vor dem Umbau führten die Schauspieler ein Stück mit dem Titel „Love Parade“ auf: Als Bühne diente die bemalte Aula, die dann abgerissen wurde. Ab Herbst 2011 wird Spanisch als zweite Fremdsprache neben Englisch angeboten, um den Übertritt in höhere Schulen vorzubereiten. „Wir arbeiten eng mit dem Oberstufen-Gymnasium in Egg zusammen“, erläutert Herr Koch.
Selber recherchieren statt auswendig lernen
Im Büro des Direktors stapelt sich die Post. Vergangene Woche war er im hinteren Bregenzerwald, um eine Gruppe von Lehrern im Skilauf fortzubilden. Jetzt heißt es Rückstände aufarbeiten. „Leider geht viel Zeit für organisatorischen Kleinkram verloren“, sagt Herr Koch: „Zeit, die für die Entwicklung der Schule und des Personals fehlt.“ Anders einsetzen möchte er auch sein Budget, von dem 85 Prozent für Schulbücher vorgesehen sind. „Wenn wir in Geschichte das alte Ägypten durchnehmen, will ich nicht die ganze Stunde Artikel lesen, sondern mit den Schülern Papyrusrollen und Schmuck für Pharaonen basteln.“ Anstatt nur Fachwissen anzuhäufen, verfolge sein Unterricht das Ziel, auch eine Informationskompetenz zu entwickeln – die Kinder sollen eigenständige Recherchen machen. Zur Präsentation der Ergebnisse gibt es in den Klassenzimmern interaktive Tafeln, wo sich geschriebene Texte und Videofilme verknüpfen lassen. Dass hinter der Fensterscheibe, die mit „Bücherei“ beschrieben ist, ein Fußballtisch steht, erklärt der Direktor knapp: „Unsere Schule ist zum Lernen und zum Leben da.“