Hölzer und Menschen teilen ein Merkmal, das je nach Sichtweise von Vorteil oder Nachteil ist: Sie sind leicht zu formen. Es gibt Gärten, wo Bäume dekorativ zugeschnitten sind, und Wälder, wo Bäume frei wachsen. Rudolf Wäger ist ein Waldbaum, der in einem Garten aufwuchs. „Ich wollte in den 1960er Jahren an keine regionale Tradition anknüpfen“, sagt der gelernte Zimmermann, „sondern im Gegenteil zeigen, dass man mit Holz auch modern bauen kann.“ Der Pionier der Vorarlberger Architektur hat sich nun in Übersaxen ein kleines Wohnhaus errichtet, in dem jeder Winkel genutzt ist.
„Eigentlich ein seniler Egoismus“, bemerkt Herr Wäger und setzt sich an den Esstisch. Die Sonne scheint ihm durch die Fensterfront ins Gesicht. „Das Einfamilienhaus als solches ist eine problematische Bauform, weil es die Landschaft zersiedelt.“ Als sein Atelier in Satteins von allen Seiten zugebaut wurde, sei ihm zuerst der Gedanke gekommen, in eine Wohnung zu ziehen. „Die Angebote waren aber entweder zu teuer oder eine Zumutung.“ Dann habe er gemeinsam mit einer Bekannten versucht, einen Baugrund zu finden, was sich ebenfalls schwierig gestaltete. Die Bedürfnisse waren zu verschieden, zu eigenständig die beiden Charaktere. „Ganz zufällig“ sei er schließlich auf eine Zeitungsannonce für ein Grundstück in Übersaxen gestoßen: 500 Quadratmeter, Süd-West-Hang, Sackgasse, Stromanschlüsse und Wasserleitungen vorhanden, halb so teuer wie im Rheintal. „Da musste ich zugreifen“, sagt unser Gastgeber. „Wenn ein separates Wohnhaus noch eine Berechtigung hat, dann auf so einem Bauplatz.“
Skandinavische Einflüsse
Mit einer Wohnfläche von 80 Quadratmetern ist das neue Heim nur wenig größer als das „Würfelhaus“, das 1965 in Götzis entstand und heute als Ikone der Vorarlberger Architektur gilt. Fast ohne fremde Hilfe plante und baute der damals 24-jährige Zimmermann einen Holzkubus, in den die junge Familie Wäger einzog: „Bis auf die Heizung, die Fenster und das Elektrische habe ich alles selbst gemacht – sogar die Einrichtung.“ Für die Wägers musste das Haus erstens billig und zweitens schön sein. Die zweckmäßige, verdichtete Konstruktion empfanden einige als vorbildlich und viele als Provokation. „Die Leute hatten noch die Nachkriegsbaracken im Kopf: Was aus Holz war, hieß deshalb Baracke.“ Weil er wusste, dass die Gemeinde das Flachdach nicht genehmigen würde, reichte er einen Plan mit Satteldach ein. Als das Haus fertig war, wurde die Bauförderung gestrichen und auf der Straße nicht mehr gegrüßt. „Ich war von den Holzbauten skandinavischer Architekten begeistert, von Alvar Aalto zum Beispiel. Regionale Traditionen wie das Wälderhaus spielten für mich keine Rolle.“ Der ständige Kampf mit den Behörden habe sich erst gemildert, als in der Abteilung für Raumplanung im Landhaus Mitarbeiter beschäftigt wurden, die für die neue Architektur aufgeschlossen waren. Außerdem schreibt das Vorarlberger Baugesetz nicht vor, dass die Pläne von Ziviltechnikern stammen müssen. Das heißt, jeder Bauherr kann sein Haus selbst entwerfen. Für den Autodidakten Rudolf Wäger ein wesentliches Detail: „Man muss dem Land hoch anrechnen, dass diese Tür nie zugemacht wurde.“
Raumplanung im Kleinen und Großen
Die Rauchwolke steigt vom Esstisch auf und zieht ins Wohnzimmer. Neben der Couch liegt ein Band der gesammelten Werke von Marieluise Fleißer, einer sozialkritischen Schriftstellerin aus Bayern, daneben ein Fremdwörterbuch. Herr Wäger klopft an die getäfelte Wand, nimmt die Pfeife aus dem Mund und sagt: „Weißtanne, dahinter Isolation und dann eine sechseinhalb Zentimeter dicke Fichteplatte.“ Der Parkett ist aus Akazie, der Einbau aus dunklen, gepressten Holzfasern. Vom Schlafraum führt eine „Waschstraße“ in Form einer Duschkabine ins Bad, wo sich das Dachfenster mit einer Handkurbel aufdrehen lässt. Garderobe und Küche sind durch Kästen getrennt, die ein ausgeklügeltes System von Schubladen enthalten. „Raumplanung“, sagt der Hausherr beim Schließen der Schranktüren. Von hier geht eine Treppe hinunter in die Werkstatt: „Da muss ich erst eine Ordnung entwickeln, also keine Fotos.“ Den Computer habe er sich Ende der 1990er angeschafft, nachdem sein damaliger Mitarbeiter gedroht hatte, zu kündigen, falls die Pläne weiterhin mit Bleistift und Papier entstünden. In einem Nebenraum befinden sich die Wärmepumpe und der Wechselrichter der Fotovoltaik-Anlage, die auf dem Carport montiert ist und ein Drittel des Stromverbrauchs liefert. Mit der Wohnbauförderung konnten die ökologischen Mehrkosten gedeckt werden.
Nach dem Rundgang drückt Herr Wäger noch einmal sein Unbehagen aus: Er sei keineswegs ein Verfechter des Einfamilienhauses! Ganz im Gegenteil, er habe konsequent versucht, kollektive Wohnformen umzusetzen. Ein Beispiel ist die Siedlung Ruhwiesen, die Anfang der 1970er Jahre in Schlins gebaut wurde. Unabhängig vom Immobilienmarkt, entwarf er gemeinsam mit den Bewohnern sechs einstöckige Reihenhäuser, die in einen Sonnenhang am Waldrand eingebettet sind, als wäre die Anlage selbst Teil der Natur. „Wenn unsere Politiker die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Zusammenleben schaffen wollen“, sagt der Baukünstler, „dann müssen sie Raumplanung fordern. Keine Alibi-Aktionen, sondern mit Fachleuten festlegen, wie die regionale Verbauung zu erfolgen hat.“ Tatsächlich würden wirtschaftliche Kräfte, nämlich die Baufirmen und die Massenmedien über die Architektur entscheiden. Das Ergebnis seien internationale, beliebige Formen: „Die wesentliche Frage ist, ob wir in diesem wahnsinnigen Chaos oder in einer gestalteten Umwelt leben möchten.“ Rudolf Wäger, der als Waldbaum im Garten aufwuchs, wird als Gärtner im Dschungel alt.