Auf dem Weg hinein gewöhnen sich die Ohren an das Dröhnen wie die Augen an die Dunkelheit, die im Stollen herrscht. Von der Hauptstraße zwischen Gaschurn und Partenen führt der Tunnel ins Berginnere – vorbei an einer Statuette von Sankt Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Beim Maschinenhaus treffen zwei Welten aufeinander: Man tritt aus dem grauen und schwarzen Gestein der Höhle in eine beleuchtete Halle mit gelben Böden, roten Kränen, blauen Rohren. Und plötzlich bricht ein Lärm los, als würde ein Jumbojet starten. Die Lippen von Ernst Pürer bewegen sich, aber es ist kein Wort zu verstehen. Er lehnt sich über das Geländer des vierzig Meter tiefen Betonschachts und weist mit dem Zeigefinger nach unten. „Jetzt ist die Pumpe angelaufen“, sagt er im ersten ruhigeren Moment. Der Chefingenieur der Vorarlberger Illwerke hört an den Geräuschen, in welcher Betriebsart sich das Kopswerk II befindet.
Seit Herbst 2008 liefert das Pumpspeicher-Kraftwerk in Partenen, das zur Gänze im Berg eingebaut wurde, Spitzen- und Regelenergie in das europäische Stromnetz. „Die Maschinen reagieren automatisch auf den aktuellen Bedarf“, erklärt Herr Pürer: „Mit überschüssiger Windenergie wird das Wasser in den Stausee hoch gepumpt – bei Nachfrage schießt es in die Turbinen, die den Generator antreiben.“ Der erzeugte Strom könnte ganz Vorarlberg versorgen. Warum das wirtschaftlich nicht sinnvoll wäre, erläutert der Ingenieur anhand eines Schaubildes, das den Stromverbrauch im Lauf eines Tages darstellt. Die rote Linie zeigt starke Schwankungen, wobei die höchsten Werte am Morgen, Mittag und Abend erreicht werden. Um die Grundlast zu liefern, gibt es Anlagen, die gleichmäßig in Betrieb sind – Wasserkraftwerke an Flüssen, zum Beispiel. Die Bedarfsspitzen hingegen decken jene Kraftwerke ab, die man flexibel steuern kann. „Hochdruckanlagen mit großen Fallhöhen des Wassers sind perfekt regelfähig“, führt Herr Pürer aus. „Die Gebirgslandschaft ermöglicht uns, den teuersten Strom herzustellen: Ein Produkt, das wir an alle vier Regelzonen in Deutschland verkaufen.“
Einzigartige Technik
Das Kopswerk II ist mit dem Stromnetz von Baden-Württemberg verbunden. Wenn der Bedarf steigt, schießt aus den Düsen mehr Wasser in die kreisende Pelton-Turbine, die 175 Megawatt, also rund 238.000 PS erzeugen kann. Am Ende der Halle steht als Modell ein Reserve-Laufrad. „Es funktioniert wie beim Fahrraddynamo“, sagt Ernst Pürer. „Das Rädchen am Reifen ist die Turbine, dessen Umdrehungen der Generator in elektrische Energie umwandelt.“ Auf dem Werksplan zeigt der Ingenieur, wie die drei Maschinensätze montiert sind: Ganz oben befinden sich die Turbinen, in der Mitte die Generatoren und unten die Pumpen, die das Wasser in den Kopssee befördern. Um den Höhenunterschied von 800 Metern zu überwinden, wird an Zeitpunkten, wo der Verbrauch niedrig ist, Energie aus dem Stromnetz entnommen. „Bilanzmäßig handelt es sich um Windkraft“, erläutert Herr Pürer, „physikalisch um Elektrizität, die gerade zur Verfügung steht.“ Im Zusammenhang gesehen, stelle das Kopswerk II eine Reaktion auf den Ausbau der Windenergie in Deutschland dar. Denn aufgrund der Tatsache, dass die Windräder einmal mehr und einmal weniger Strom liefern, sind Techniken wie die Pumpspeicherung erforderlich, um die Schwankungen auszugleichen.
Er komme gerade von einer Sitzung aus Stuttgart zurück, berichtet der Chefingenieur der Illwerke: „Wir führen mit der Energie Baden-Württemberg Gespräche über ein neues Kraftwerk.“ Es soll zwischen dem Silvretta- und Vermuntsee entstehen und dieselben technischen Merkmale wie Kops II aufweisen. Weltweit betrachtet, ist das Besondere der Anlagen nicht ihre Größe, zumal etwa in China ähnliche Kraftwerke gebaut wurden, die eine weit höhere Leistung haben. „Die Vorzüge liegen im Detail“, sagt Herr Pürer. „Beim Kopswerk II wird erstmals ein Prinzip konsequent angewandt, das man hydraulischen Kurzschluss nennt.“ Mit dieser Technik ist es möglich, die Pumpe zu betreiben, selbst wenn im Stromnetz nicht die nötigen 150 Megawatt vorhanden sind – die fehlende Antriebskraft wird dann von der Turbine erzeugt. Deshalb kann das Kraftwerk sehr rasch auf die Bedürfnisse des Marktes reagieren. Die hohe Regelfähigkeit der Anlage, die auch im Pumpbetrieb erhalten bleibt, ist dem Ingenieur zufolge einzigartig.
Ausbau der Wasserkraft
Nach einem Beschluss, der im Landtag einstimmig gefasst wurde, soll Vorarlberg bis 2050 in der Lage sein, den regionalen Stromverbrauch selbst zu produzieren. Derzeit stammt knapp ein Fünftel aus fossilen Energieträgern wie Erdgas oder Steinkohle. Um die heimischen Ressourcen noch besser zu nutzen, empfiehlt das Konzept den Ausbau der Wasserkraft um 500 Gigawattstunden pro Jahr. Dass die Steigerung im Konsens erfolgen muss, ist für Ernst Pürer eine Selbstverständlichkeit: „Ohne die betroffenen Menschen und ohne Rücksicht auf die Umwelt kann man kein Wasserkraftwerk bauen, das langfristig von Nutzen ist.“ Im Fall von Kops II fielen die ökologischen Prüfungen sehr gut aus, weil die Anlagen im Berginnern liegen und bestehende Staubecken verwendet wurden. „Es war mein größtes Projekt“, sagt Herr Pürer, der seit 1976 bei den Illwerken arbeitet. Der gebürtige Niederösterreicher hatte in Wien Kulturtechnik studiert. Als junger Hochschulassistent las er am Institut einen Aushang: „Vorarlberger Kraftwerksunternehmen sucht Baustatiker!“ Geplant war ein Umzug für drei, vier Jahre; geworden sind es bisher dreieinhalb Jahrzehnte. „Die Schwierigkeiten mit der Sprache hielten sich in Grenzen“, erinnert sich der Chefingenieur. „Mein Zimmergenosse im Studentenheim kam aus Lingenau.“ Herr Pürer steigt ins Auto und hupt zum Abschied. Er fährt nicht „huim“ in den Bregenzerwald, sondern „hem“ nach Schruns.